Wie mir die Bahn mein letztes Stündlein verkünden wollte…

DresdenGestern hatte ich das Vergnügen einer Bahnreise. Im Auftrag des Brötchengebers war ich in Berlin, Businesskasper-Style –  Naja, nicht ganz, aber so ähnlich 😉

Wer auf dem Land wohnt, muss zunächst mal zum Bahnhof. Ich entschied mich für den in Kiel, da man von dort aus ohne Umstieg und langweilige Zwischenaufenthalte auf zugigen Bahnhöfen in unter drei Stunden in Berlin aufschlägt, zzgl. Anreise zum Bahnhof natürlich. Die Bahnreise selbst entpuppte sich als entsprechend bequem, zumal die Bahn tatsächlich ohne Verspätung durchrauschte und am heimeligen Bahnhof in der Landeshauptstadt, kurz vor Kanzlerins Schloss einfuhr. Ok, das mit den verschlossenen Restrooms lasse ich an dieser Stelle mal aus… Doch was macht man knapp drei Stunden in der Bahn? Auf der Hinfahrt hatten wir den Vierertisch, iPads mit lustigen Gesellschaftsspielen und  im Hinblick auf den Termin auch noch ein wenig Abstimmungsbedarf. Die Zeit verging also, wie im Flug Zug.

Nach einem guten Meeting, kam was schließlich kommen musste: Die Heimfahrt! Diesmal kein Vierertisch, nur den mobilen UMTS WLAN Router, der zumindest die zwei verfügbaren iPads zusammenschalten konnte, um ein paar Runden irgendeines Rennspieles gegeneinander zu daddeln. Das war dann aber auch alsbald langweilig und irgendwie fehlte mir persönlich die News-Versorgung. Kollege A guckte Filme auf dem iPad, Kollege B tat es ihm gleich, schlief jedoch dabei ein, Kollegin C strickte fröhlich an ihrem Schal und lauschte ihrer Playlist.

Und ich so: Androide raus, MP3 Playlist in PowerAmp starten, GoogleReaderApp starten und die Freuden der Newsversorgung genießen… Mööööp! Ich blickte auf – die Info-Anzeige im ICE Leipzig-Kiel (via Berlin) wechselte gerade von der Geschwindigkeitsanzeige, die eben noch 231 km/h anzeigte, zur natürlich rein sachlichen Information über die gastronomischen Freuden des Boardresturants –  hatte ich nicht eben noch, beim Check in der Offline-App der Bahn (Totholzversion der FahrplanApp) gesehen, dass der Zug einen Mobilfunkrepeater zur Verstärkung des Mobilfunksignals installiert habe? Kurzes Nachdenken… Man kann nur etwas verstärken, wenn es zumindest ein wenig vorhanden ist..!

Welchen Grund kann es haben, dass in der heutigen Zeit, auf einer der vermutlich meist frequentiertesten Strecken der Bahn von Hamburg nach Berlin (und zurück) kein Mobilfunk-Empfang zu bekommen ist?!? Ein wenig GPRS hätte mir für ein paar News-Feeds ja schon gereicht? Aber nein… Der direkte Zugriff auf aktuellste Informationen aus der Welt des aktuellen Zeitgeschehens, der Wirtschaft und Politik, der Technik-News blieb mir – trotz intensiver Versuche dem Handy durch Hochhalten am langen Arm, drehen und Wenden des mobilen Routers und einiger anderer seltsamer Verrenkungen – verwehrt. Das einzige was es mir einbrachte waren teils verwirrte, teils leicht süffisant lächelnde und wissende Blicke meiner Mitreisenden auf den Nachbarsitzen.

Mir blieb folglich nichts anderes übrig der Musik zu lauschen, die Kindle-App auf dem Androiden zu starten und der Lektüre von Matthias Sachaus „Linksaufsteher“ zu fröhnen. Keine News. Nur Belletristik.

Als dann kurz vor Einfahrt in den Kieler Bahnhof die freundliche Stimme aus dem Off, nicht nur das Ende unsere Bahnreise ankündigte, sondern auch alle Fahrgäste aufforderte an der Endstation bitte den Zug zu verlassen  – erst zu deutsch, dann in der zunächst vermeindlich üblichen Übersetzung ins Englische – wollte ich schon entnervt mitsprechen mit den Worten  „Senk ju vor träwelling!“, doch diese Worte sollten mir direkt im Hals stecken bleiben. Stattdessen blickte ich in die ebenfalls weit aufgerissenen Augen meiner ihre Habseligkeiten einpackenden Kollegen, die ebenso verwundert vernahmen, was  ich vernahm: „This is your Final Destination!“

Hatte sie –  ja, es war eine Sie –  hatte sie das jetzt echt gesagt? Haben die den Text geändert? War die Dame in ihrem früheren Leben Wahrsagerin, oder hatte sie schlicht zu viele schlechte Filme gesehen?  Sollte tatsächlich mein letztes Stündlein geschlagen haben, ohne dass ich auch nur die geringste Kleinigkeit vom aktuellen Tagesgeschehen habe vernehmen dürfen – ohne News, ohne Feeds, ohne eine einzige Nachricht???

Creative Commons License photo credit: Bert Kaufmann